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Herbert Hrachovec: „Semantik, in gesellschaftliche Prozesse eingebettet, ...ist hier gut platziert“.

14. März 2008, by Tassilo Pellegrini

hrachovec

M.F.: Sie haben bereits vor über 20 Jahren einen Artikel zum Thema "Man and Semantic Machines" [1] geschrieben. Was hat sich seither verändert?

Damals war die „Künstliche Intelligenz-Forschung“ sehr prominent. Man fragte sich, ob (oder wann) es möglich sei, die menschliche Fähigkeit, sinnvolle Sätze zu produzieren, maschinell nachzubilden. Formale Grammatiktheorien auf der einen Seite und das Gedankenexperiment des Turing-Tests inspirierten zu Hypothesen über die Ersetzbarkeit individueller Weltauffassungen durch Programme. Joseph Weizenbaums Programm „Eliza“ (1966) hatte deutlich gemacht, dass auf den ersten Blick hochpersönliche Abläufe wie eine Therapiesitzung auf beinahe banale Art automatisiert werden können. Mein Artikel trug die Überschrift „Irreconcilable Similarities“, also „Unversöhnbare Ähnlichkeiten“. Ich zitiere aus dem letzten Paragraphen: „His (i.e. man's) essence is to be able to stretch his understanding to this limit – being part of the world and, by asserting this, partially dropping out of it. A less crazy diagnosis is not feasible in this case.“

Die Ausrichtung war also sehr prinzipiell. Durch die Entwicklung des Internets sind andere Aspekte des Mensch-Maschine-Verhältnisses in den Vordergrund getreten. Global vernetzte Computer sind bedeutend unabsehbarer als jene Geräte, die man sich früher als Rechenautomaten vorstellte. Soziale Interventionen – Viren zum Beispiel – haben einen Einfluss gewonnen, der die planbaren Abläufe konterkariert. Die ursprüngliche Unbekümmertheit im Entwurf des Internet Mail Protokolls hat zu endlosen Spam-Kaskaden geführt: es ist eine Protokollkonvention und keine Maschineneigenschaft, welche die Kontrolle unmöglich macht. Insofern sehen wir heute deutlicher, dass auch die mit Hilfe von Maschinen transportierte Semantik in gesellschaftliche Prozesse eingebettet ist.

M.F.: Vor dem Hintergrund des (proklamierten?) Paradigmenwandels beim „Next Generation Web“ stellt sich die Frage, welche Aufgabe den Geisteswissenschaften in diesem Umfeld zukommt, um zu verhindern, dass diese Entwicklung zu techniklastig wird?

Der Eindruck, eine Entwicklung sei „techniklastig“ oder „kulturlastig“ hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Von „Rettungsaktionen“ halte ich nicht viel. Sie stellen die Verhältnisse so dar, als handelte es sich um eine Sturmflut oder ein Erdbeben. Abgesehen von solchen Lagerbildungen ist festzuhalten, dass Philosophie sich an zahlreichen Stellen in die Auseinandersetzung um digitale Vernetzung einmischen kann. Ich nenne ein kleines Beispiel, mit dem ich meine Vorlesung im Wintersemester 2007/08 begonnen habe.

Die Homepage der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft war eines Tages durch unschöne Texteinsprengsel verunziert. Sie irritierten den beabsichtigten Gebrauch. Unverständliche Buchstabenfolgen durchquerten das Bild. Wie soll man mit solchen Brüchen umgehen? Ein erster Punkt ist, wahrzunehmen, dass Verständlichkeit nicht nur den ungetrübten Alltag betrifft. Aus Sicht einer Informatikerin sind die hier auftauchenden „Warnings“ durchaus verständlich. Sie weisen darauf hin, dass es im WWW nicht nur um schnelle Kommunikation, sondern auch um den Aufbau einigermaßen komplexer Datenbanksysteme geht. Das würde noch einen Dualismus von Technik und Kultur zulassen. Eine reizvolle Aufgabe der Philosophie sehe ich darin, sich in derartige Entfremdungen einzuschalten. So entstehen Fragen nach Lesbarkeit, Verantwortlichkeit und Mehrfachkodierung. Die kann man plastisch darstellen, um – wenn es schon sein soll – ein Gegengewicht zur Programmierung zu schaffen.

M.F.: Welche Potentiale ergeben sich aus diesem Semantic Web, welche Bedrohungsszenarien (Privacy) könnten auf uns zukommen und wie kann/muss die Philosophie hier gegensteuern?

Zum „Gegensteuern“ sage ich wie vorhin: Wir sind nicht in eine dramatische, weltweite Verfolgungsjagd verstrickt, in der sich Geisteswissenschaftlerinnen als Kapitäne (m/w) betätigen. Das semantische Web beschert uns etwa dieses Beispiel konkreter Poesie des Autors Vilyamke@DarkSites.com:

„bldg motgages and mold free car repair estimste forms broward county clerk of court marine hot teen escourts in texas legal age for abortion in texas bergdorf britney spears naked idf order of battle 1973 time poem phelan annemarie“

So sehen die in Wellen zu zehntausenden Einträgen an zahlreiche Blogs geschickten „Kommentare“ aus, mit denen die Google-Präsenz eines Produktes verstärkt werden soll. Natürlich ist es ärgerlich, derart belästigt zu werden. Und es sind Sinn-Bestandteile, nicht Straßenlärm oder Luftverpestung, im Spiel. Insofern ist eine erhöhte Empfindlichkeit der Kulturvertreterinnen verständlich. Um für Autoreparaturen zu werben, muss „car repairs“ genannt und verstanden werden. Wir sind also mit unserer Sprachkompetenz die Voraussetzung der semantischen Überschwemmung. Aber wie steht es mit den Tippfehlern und ungeplanten Konstellationen: „motgages“ (soll heissen „mortgages“, Hypothek) oder „texas bergdorf“? Semantik steht immer auch dazu bereit, einer Sinnvorgabe auszuweichen oder unter ihr durchzutauchen.

M.F.: Sie beschäftigen sich mit Neuen Medien und einer daraus resultierenden Neugestaltung von Kommunikation und neuen intellektuellen Ausdrucksformen [2]. Was bringt die Zukunft?

Es gibt so viele Zukünfte... Sagen wir zumindest drei: die nächste Überraschung, die nächste Herausforderung und die große Frage „Worauf läuft das alles hinaus?“.

Das erste müssen Sie eine Trendforscherin fragen. Zum Zweiten ziehe ich die Konsequenzen aus dem bisher Gesagten. Es ist nicht so, dass wir im Lehnstuhl sitzen und warten, bis die Zukunft etwas bringt. Was kommt, bestimmt sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit den technischen Vorgaben, innerhalb verschiedener Gesellschaftssysteme. Dazu ist beides beim Wort zu nehmen, die Errungenschaften der Maschinen-Steuerung und die Umstände, in denen wir uns ihrer bedienen. Der breite Weg ist die Arbeitsteilung, in der die Vertreterinnen der getrennten Lager einander Komplimente und Schimpfworte zurufen. Schmaler ist der Durchgang zu Fragestellungen, an denen mehrere Fachrichtungen mitwirken können. Semantik, die Lehre von der Bedeutung, ist dabei gut platziert. Nehmen Sie eine Fehlermeldung, sie ist unverständlich und/oder instruktiv. Sie ist eine (schwankende) Brücke aus Sinn, die von der Technik zur Lebensweise der Normalverbraucherinnen führt.

Und die große Aussicht? Jenseits der Google-Abfrage „Was bringt die Zukunft?“ Da müssen Sie einen Philosophen fragen...

Über Herbert Hrachovec

Dr. Herbert Hrachovec ist Hochschullehrer und stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien. Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theologie in Wien und Tübingen. Seine Aufmerksamkeit gilt Grundlagenfragen zu den Begriffen Information, Sprache und Kommunikation ebenso wie den Medien von Film und Fernsehen - und vor allem den Konsequenzen, die die technische Entwicklung, besonders Software-Entwicklung, für das Selbstverständnis philosophischer Forschung und Lehre hat.

Dissertation 1971: Sonographische Untersuchungen zur Mundart des mittleren Pulkautales.
Habilitation 1980: Vorbei. Heidegger, Frege, Wittgenstein. Vier Versuche (erschienen 1981 bei Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt).
Weiters: Längere Lehr- und Forschungsaufenthalte in Oxford, Münster, Cambridge, Massachusetts, Berlin, Essen und Weimar.

Referenzen

[1] PDF-Download [94KB]: Irreconcilable Similarities. Man and Semantic Machines. In: Raritan. A Quarterly Review V(1986). S. 103-117.
[2] Frei nach Pierre Levy 1997, vgl. "Bildung muß man praktizieren. Ein E-Mail-Diskurs mit Herbert Hrachovec." In: "Zum Thema:" Nr. 11, 30.12.1997
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Fr, 03/14/2008