Im Interview: Andreas Blumauer (Semantic Web School) über die Zukunft des Internet
10.06.2005
Seit Jahren geistert das Semantic Web als Nachfolge-Konzept für das Internet durch die Medien. Neue semantische Standards und Tools sollen eine nie da gewesene Informations-Qualität ermöglichen. Der Geschäftsführer der Semantic Web School in Österreich berichtet über die interessantesten Technologien und den Status Quo.
CW: „Semantic Web“ ist ein sehr diffuser und breiter Begriff. Um was handelt es sich denn dabei konkret?
A.B.: Wir verstehen darunter die logische Fortführung des bestehenden Internet zu einem intelligenten Informations- und Kommunikationssystem. Die "Intelligenz" ist einfach ein Resultat der Anreicherung von existierenden Datenbeständen mit Metadaten. Auf Basis dieser Metadaten können Maschinen nicht nur die Form, sondern auch die Bedeutung von Information "erkennen".
CW: Welche „Killer-Applikationen“ wird es dadurch in Zukunft geben?
A.B.: Erstens intelligente Suchmaschinen, die genau verstehen, was ich suche, und entsprechende Vorschläge unterbreiten. Zweitens Ratgeber-Systeme, die automatische, regelbasierte Schlüsse ziehen können (ZB für Support, Außendienst, Web-Dienste). Drittens personalisierte, vernetzte Lernsysteme ZB für Mitarbeiter oder die Produktentwicklung. Viertens Community-Portale, in denen Wissens-Objekte und Wissensträger miteinander vernetzt werden und der Computer die richtigen Ansprechpartner identifizieren kann.
CW: Können Sie ein Beispiel für eine derartige Applikation geben?
A.B.: Nehmen wir an, sie stehen mitten in New York und haben Kopfweh. In Zukunft können sie dann einfach ihren PDA herausnehmen und in eine Spezial-Suchmaschine „Ich habe Kopfweh“ eintippen. Das System fragt daraufhin eine Datenbank nach dem passenden Medikament ab, ermittelt aufgrund ihrer GPS Daten ihren genauen Standort und den der nächsten Apotheke und gibt mit Hilfe eines Sprach- und Übersetzungsdienstes in Deutsch aus: „gehen sie 50 Meter geradeaus, Apotheke Miller, fragen sie nach ASPRO green“. Eine andere Applikation wieder könnte Reise-Pakete vom Flug über Taxi bis Hotel und Freizeitangeboten zusammenstellen, genau nach ihren Bedürfnissen und Preisvorstellungen. Es wird da eine ganze Fülle von Möglichkeiten geben.
CW: Gibt es bereits reale Applikationen?
A.B.: Derzeit spielt sich das Semantic Web vor allem in den großen Unternehmen ab, ZB in ersten Projekten bei Magna, T-Systems oder British Telecom. Auch Google verwendet bereits derartige Technologien, allerdings ohne viel Aufsehen davon zu machen. Wenn sie ZB „~ RSS“ eingeben, dann erhalten sie alle Seiten, die mit RSS thematisch zu tun haben – ohne dass der Begriff erwähnt sein muss.
CW: Der Begriff wurde lange Zeit vom Bereich „Wissens-Management“ sehr in Beschlag genommen. Ist dabei etwas herausgekommen?
A.B.: Es wurde hier viel Staub aufgewirbelt, ohne dass wirklich brauchbare Projekte herausgekommen sind. Der Begriff hat viele verschiedene Bereiche auf den Plan gerufen, die aber untereinander nicht vernetzt sind, ZB die IT (Dokumenten-Management), Psychologie, Linguistik, Soziologie, etc. Jetzt stehen die Erkenntnisse quasi nebeneinander. Dabei wäre diese Diskussion eine exzellente Möglichkeit gewesen, das Management-System an sich zu überdenken und mehr Ressourcen in die Mitarbeiter und die Entwicklung neuer Tools zu stecken. Innovationen gibt es nur, wenn MA laufend lernen und entsprechend vernetzt sind. Dabei kann auch ein IT-System einen echten Mehrwert bieten, und hier vor allem semantische Systeme.
CW: Gibt es derartige Systeme bereits zu kaufen?
A.B.: Die großen Anbieter haben derzeit keines, am ehesten noch Hyperwave. Oracle oder Opentext beispielsweise sind weiterhin klassische relationale Datenbank-Systeme, ohne semantische Technologien. Es gibt zwar viele kleinere Hersteller dafür, aber die bieten alle Speziallösungen an.
CW: Was ist der der Grund für diese Zurückhaltung der Software-Hersteller?
A.B.: Nun, die Basis für die semantische Sprache ist noch sehr jung. Der Durchbruch im großen Stil wird erst kommen, wenn sich eine Wissens-Repräsentationssprache durchgesetzt hat. Das wird aller Voraussicht nach RDF sein, so viel können wir schon heute sagen. Topic Maps als ISO-Standard eignen sich wiederum vor allem in Lernumgebungen und im Bereich Terminologie-Management. Das W3C ist sehr bemüht, neue Spezifikationen zu erarbeiten, kann aber keine Standards festschreiben. Einerlei, wir müssen aber nicht auf die Standards warten, um diese Technik schon jetzt gewinnbringend einsetzen zu können.
CW: Wo können Unternehmen die Technologie am ehesten einsetzen?
A.B.: Bei KMU geht es in erster Linie um die Vernetzung von Wissensträgern, um Community-Building, Verbesserung der Kommunikation und Personalisierung von Information. Bei Großunternehmen wiederum dreht es sich primär um die Optimierung von Prozessketten über Konzerngrenzen hinaus.
Zum Beispiel ist der Begriff der „Schwarm-Intelligenz“ derzeit ein Mega-Thema: Kleine Mehrheiten, die sich ad hoc zu einem Thema zusammenschließen, Innovationen schaffen und später wieder auseinander gehen. Die Geschwindigkeit, mit der das geschieht, nimmt derzeit dramatisch zu.
CW: Was sind die größten Hindernisse auf dem Web zum Semantic Web?
A.B.: Wir haben hier erstens eine EU-Politik, die in erster Linie Großprojekte fördert, statt auf die große Masse der KMU zu zielen, die wirklich vom Semantic Web profitieren könnten. Zum anderen wissen die Entscheider auch noch zu wenig über das Thema. Und es gibt kaum Integrations-Figuren in den Unternehmen, die sowohl technisch, als auch strategisch Ahnung haben und derartige Software-Projekte treiben könnten. Auch die Forschung selbst ist noch zu zersplittert – interdisziplinäre Entwicklungen funktionieren derzeit kaum.
CW: In der Fachdiskussion sticht hier vor allem der Begriff „Interoperabilität“ hervor. Was ist damit gemeint?
A.B.: Interoperabilität ist die Vorraussetzung für das Semantic Web. Wenn sie ZB unterschiedliche Services wie in den praktischen Beispielen vorher verknüpfen oder aneinander lernen lassen wollen, dann muss es eine gemeinsame Sprache geben, die von allen Applikationen verstanden wird. Dieses Zusammenwirken muss sowohl auf technischer Ebene (ZB RDF ), als auch auf organisatorischer und semantischer Ebene (Begriffs-Definitionen) funktionieren.
Information fließt und nimmt Raum ein. Man kann sie nur angreifen, wenn man eine gemeinsame Struktur zum User hin hat. Letztlich sollen ja nicht nur die Maschinen besser kommunizieren, sondern vor allem die Menschen. Im Zuge einer gegenseitigen Konsensbildung entsteht eine so genannte Ontologie, die eine Verbindung zwischen den Begriffen und Denkgebäuden schafft, und sozusagen einer Bauanleitung entspricht. Dies ist ein dynamischer, iterativer Prozess, der nie endet.
CW: Wie sieht es mit den ethischen Grenzen aus, sprich der gläserne Mensch?
A.B.: Das ist eine wesentliche Frage, und hier ist auch der größte Widerstand gegen Techniken des Semantic Web zu befürchten. Missbrauch mit Daten muss von Anfang an entschieden verhindert werden. Auf der anderen Seite können wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen, wie sehr uns die Vernetzung von Wissen in Zukunft helfen wird.
CW: Danke für das Interview.
Mehr Information, Artikel, Buchtipps etc. zum Thema Semantic Web unter Semantic Web School
source: computerwelt







